Zum Inhalt springen

Beuys 101. Geburtstag

Am 12. Mai wäre der Jahrhundertkünstler Joseph Beuys (1921 – 1986) 101 Jahre alt geworden. Da ich mich in den letzten Jahren intensiv mit ihm auseinandergesetzt habe, möchte ich hier seinen bemerkenswerten Lebenslauf darstellen.
Es gibt immer noch genügend Leute, die von Beuys noch nie gehört haben. So ging es mir selbst noch bis vor etwa fünf Jahren. Dabei hatte ich Kunst in der Oberstufe als Leistungsfach, selbst da wurde er merkwürdigerweise nicht thematisiert. Beuys‘ Kunstwerke sind zwar durchaus nicht einfach zu verstehen, allerdings sollte das kein Grund sein, sich gar nicht erst mit ihm zu befassen. Im Gegenteil: So ging sein Schaffen weit über die traditionelle Kunst hinaus und sein Kunstverständnis wurde von ihm auf das ganze Leben und die Gesellschaft ausgeweitet. Für Beuys war jeder Mensch ein Künstler. Zwar nicht im klassischen Sinn, aber jeder verfügt über kreative Fähigkeiten, die man im sozialen Sinne einsetzten sollte. Auf die Art könne jeder Mensch in der Gesellschaft etwas bewirken. Dies bezeichnete er als „erweiterten Kunstbegriff“ und „Soziale Plastik„.

Beuys war eigentlich gelernter Bildhauer, setzte aber auch ungewöhnliche Materialien ein, wie Filz und Fett („Fettecke„). Zudem setzte er sich intensiv mit Kunst-, Gesellschafts-, und Wirtschaftstheorien auseinander. Ab den 60er Jahren war er Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, führte regelmäßig künstlerische Aktionen durch und schuf teilweise raumfüllende Kunst-Installationen.

Zuletzt gab es auch einige kritische Stimmen zu Beuys. Manche werfen ihm vor, er habe sich nie von seiner Zeit bei der Wehrmacht distanziert und soll von Alt-Nazis gefördert worden sein. Manche sahen auch sein Interesse für den esoterischen Anthroposophen Rudolf Steiner kritisch, dessen Theorien teilweise in eine völkisch-rassistische Richtung gehen. Der Autor Hans Peter Riegel gab in seiner Beuys-Biografie an, Beuys habe in seinem Lebenslauf einiges beschönigt oder schlicht falsch dargestellt.

Bei dem Lebenslauf ging es mir darum, möglichst alle wichtigen Stationen und Vorkomnisse in Beuys Leben zumindest kurz anzureißen.

Beuys Lebenslauf


Frühe Jahre

1921
Joseph Beuys wird in Krefeld geboren. Die Familie zieht nach Kleve.

1941
Beuys macht Abitur. Vorher ist er noch für etwa ein Jahr Teil eines Wanderzirkus.

1942
Beuys meldet sich freiwillig bei der Wehrmacht und wird Boardfunker.

1944
Bei der Schlacht um die Krim stürzt Beuys Flieger ab. Der Pilot ist tot, Beuys überlebt schwer verletzt. Laut Beuys Erzählungen wird er anschließend von Krim-Tartaren gefunden und für mehrere Tagen bei ihnen aufgenommen. Um ihn zu wärmen, decken sie ihn mit einer Filzdecke zu, seine Wunden werden mit Fett eingerieben. Jahre später werden Filz und Fett noch eine wichtige Rolle in der Kunst von Beuys spielen.

Die Tartaren-Geschichte wird später von vielen bezweifelt, denn es gilt als gesichert, dass Beuys schon einen Tag nach dem Absturz in ein deutsches Lazarett kam. Zudem soll es zu dem Zeitpunkt keine Tartaren auf der Krim mehr gegeben haben. Eine bewusste Legendenbildung von Beuys oder einfach ein Absturz-bedingter Fiebertraum?

Nach Beuys Genesung wird er noch als Oberjäger an der Westfront eingesetzt und dient in der Fallschirmjäger-Division Erdmann.

1945
Ein Tag nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai gerät Beuys in Cuxhaven in britische Kriegsgefangenenschaft. Diese kann er im August verlassen und kehrt schwer angeschlagen nach Kleve zu seinen Eltern zurück.

1946
Beuys wird an der Kunstakadmeie Düsseldorf im Bereich „Monumentale Bildhauerei“ aufgenommen. Nach drei Semestern kommt er in die Klasse von Bildhauer, Maler und Grafiker Erward Matarè. Diesen unterstützt er auch bei Aufträgen, wie 1948 bei der Erneuerung der Türen des Südportals vom Kölner Dom.

1948
Beuys kommt zum ersten Mal mit den esoterischen Lehren von Rudolf Steiner in Berührung, die ihn später zur Idee der „Sozialen Plastik“ inspirieren.

1951
Beuys wird Meisterschüler von Matarè.

1953
Abschluss an der Kunstakademie. Erste Einzelausstellung in Kranenburg durch die befreundeten Van der Grinten-Brüder, welche als Kunstsammler zuvor erste Werke von Beuys kauften. Beuys lebt hauptsächlich von handwerklichen Auftragsarbeiten.

1954
An Weihnachten schickt Beuys‘ Verlobte den Verlobungsring an ihm zurück. Durch die Trennung, sowie nicht verarbeitete Kriegserlebnisse und finanzielle Erfolglosigkeit fällt Beuys für mehrere Jahre in eine Depression.

1955-1957
Beuys zieht sich immer weiter zurück, lebt einige Monate lang auf dem Bauernhof der Familie Van der Grinten in Kranenburg. An weniger depressiven Tagen hilft Beuys bei der Feldarbeit. Intensive Gespräche mit den Van der Grintens über seine Verantwortung als Künstler. In der Zeit entstehen viele Zeichnungen.

1958
Beuys lernt auf einer Karnevalsveranstaltung in Düsseldorf Eva Wurmbach kennen. Er bewirbt sich für eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf, wird aber durch Widerstand seinen ehemaligen Professors Martarè abgewiesen.

1959
Beuys und Eva heiraten. In Meerbusch-Büderich errichtet Beuys ein Kriegs-Mahnmal.

Professor und Durchbruch als Künstler

1961
Beuys wird bei einer erneuten Bewerbung nun doch als Professor an der Kunstakademie angenommen. Er steht den Studenten nahezu täglich zur Verfügung, was ein Novum an der Akademie ist. Eigentlich als Bildhauerklasse bezeichnet, diskutiert Beuys ausführlich mit den Studenten über sämtliche Bereiche der Kunst.

Geburt von Sohn Wenzel.

1964
Beuys fertigt eins seiner berühmtesten Kunstwerke an: Stuhl mit Fett.

1964
Für seine Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ lässt sich Beuys seinen Kopf mit Honig und Blattgold einreiben. Mit einem toten Hosen wandert er in einer Düsseldorfer Galerie von Bild zu Bild und scheint dem Tier die Bilder zu erklären. Das Publikum muss zunächst draußen bleiben und sieht das Geschehen nur durch das Schaufenster.

Bei einer Kunst-Aktion in Aachen wird Beuys von einem aufgebrachten Studenten blutig geschlagen.

Geburt der Tochter Jessyka.

Beuys ist zum ersten Mal auf der Kunst-Ausstellung Documenta in Kassel vertreten und wird bis zu seinem Tod bei jeder weiteren dabei sein.

1965
Beuys nimmt in Wuppertal an der „24-Stunden-Aktion” der Kunst-Bewegung Fluxus teil. Abwechselnd mit anderen Künstlern werden 24 Stunden lang Kunst-Aktionen durchgeführt.

1969
Beuys fertigt die Installation „The pack (das Rudel)“ an: Ein VW-Bus mit geöffneter Heckklappe, aus dem 24 Schlitten scheinbar heraus schwärmen. Auf jedem Schlitten befindet sich eine Taschenlampe, ein Stück Fett, und eine Filzdecke.

1971
Nach Beuys Ansicht sollte jeder, der möchte, Kunst studieren können. Ganz unabhängig von Aufnahmeprüfungen. Zumindest probeweise für zwei Semester. Um das durchzusetzen, besetzt er mit abgewiesenen Bewerbern das Sekretariat der Kunstakademie und nimmt sämtliche Bewerber in seine Klasse auf. Zeitweise sind über 300 Studenten in der Beuys Klasse. Beuys kriegt von der Akademie hierfür eine Verwarnung.

1972
Auf der Documenta ist auch Beuys wieder vertreten. Diesmal komplett ohne Kunst, dafür steht er während der gesamten Documenta (100 Tage) täglich für Diskussionen über die Möglichkeiten einer direkten Demokratie zur Verfügung.

Erneute Besetzung des Sekretariats. Der NRW-Minister Johannes Rau spricht daraufhin die fristlose Kündigung von Beuys aus. Dieser wird anschließend von der Polizei abgeführt. Studenten demonstrieren gegen die Kündigung. Beuys klagt daraufhin und es beginnt eine jahrelanger Rechtsstreit.

1973
Für die Aktion „I like America and America likes me“ lässt sich Beuys am New Yorker Flughafen in eine Filzdecke rollen und so zu einer Galerie fahren. Dort lebt er auf dem Dachboden für 3 Tage mit einem Koyoten zusammen. Anschließend wird er zum Flughafen gebracht, wieder in eine Filzdecke gerollt und fliegt zurück nach Deutschland. Von New York selbst hat er nichts gesehen.

Kunst-Skandal in Leverkusen: Im Museum „Schloss Morsbroich“ feiert die SPD ein Fest. Zwei Parteimitglieder suchen nach einer Schüssel, um Gläser spülen zu können. Sie entdecken eine alte, mit Pflastern bedeckte Badewanne, säubern diese und nutzen sie anschließend für die Säuberung der Gläser. Was sie nicht ahnen: Bei der Badewanne handelt es sich um ein Kunstwerk von Beuys. Der Vorfall wird in den Medien breit aufgegriffen. Die Stadt Wuppertal, die das Kunstwerk dem Schloss Morsbroich geliehen hatte, wird daraufhin vom Leihgeber zu 58.000 Mark Schadensersatz verklagt.

Beuys gründet die „Free International University“ in der Fragen zur Gesellschaft diskutiert werden sollen.

1974
Vortragsreise durch die USA. Thema: „Energy plan for the western man“. Beuys erklärt jetzt auch den Amerikanern seinen „erweiterten Kunstbegriff“.

1976
Beuys ist bei der 37. Biennale in Venedig im deutschen Pavillon vertreten. Er stellt seine Rauminstallation „Straßenbahnhaltestelle“ aus.

1977
Auf der Documenta VI stellt Beuys „Die Honigpumpe am Arbeitsplatz“ aus.

Aufstieg zum Jahrhundertkünstler

1979
Spätestens jetzt erlangt Beuys Weltruhm. Er ist der erste lebende deutsche Künstler, dem das Guggenheim-Museum in New York eine große Retrospektive widmet.

Erste Begegnung mit Andy Warhol in Düsseldorf, bei dem Warhol Beuys fotografiert, was dieser später als Vorlage für seine Beuys-Grafik verwendet. Das Treffen wird von Kunstkennern als eine Art Treffen der (Kunst-)Giganten angesehen. Beuys und Warhol werden sich in den Jahren drauf immer mal wieder begegnen.

Beuys & Warhol

Beuys‘ Installation „Zeige deine Wunde„, die u.a. aus zwei Leichenbarren besteht, wird für 270.000 Mark verkauft. Für manch einen ist das „der teuerste Sperrmüll aller Zeiten“ und wird in den Medien kontrovers kommentiert.

Im Kunst-Kompass, einem jährlichen Künstler-Ranking, belegt Beuys erstmals den ersten Platz als relevantester, lebender Künstler und schubst damit Andy Warhol vom Thron.

1980
Beuys ist bei der Gründung der Grünen dabei.

Durch Beuys Klage bezüglich seiner fristlosen Kündigung kommt es zu einem Vergleich. Er darf bis zu seinem 65. Lebensjahr sein Atelier in der Kunstakademie behalten und den Professortitel weiter führen.

1982
Für die Documenta 7 plant Beuys sein Landschaftskunstwerk „7.000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung„. Zusammen mit Helfern sollen 7.000 Eichen in Kassel gepflanzt werden und neben jeden Baum soll ein Basaltstein gesetzt werden. Für die Finanzierung der Aktion kann jeder für 500 Mark Pate eines Baums werden. Für zusätzliches Geld dreht Beuys in Japan einen Werbespot für Whiskey. Beuys selber pflanzt etwa 5.500 Bäume. Die Fertigstellung des Projekts kriegt er nicht mehr mit.

Mit Band-Mitgliedern von BAP (außer Wolfgang Nideggen) nimmt Beuys den Song „Sonne statt Reagan“ auf.

1986
Letzter öffentlicher Auftritt Im Januar bei der Vergabe des Wilhelm-Lehmbruck-Preises in Duisburg. Nur wenige Tage drauf stirbt Beuys am 23. Januar in seinem Atelier in Düsseldorf-Oberkassel im Alter von 64 Jahren.

Etwa neun Monate nach Beuys` Tod wird wieder mal ein Kunstwerk von Beuys nicht als solches erkannt: Der Hausmeister der Kunstakademie Düsseldorf entfernt das im Jahr 1982 von Beuys angebrachte Fett (5kg Butter), dass dieser in eine Zimmerecke schmierte und als „Fettecke“ bezeichnete. Beuys-Meisterschüler Johannes Stüttgen beansprucht Eigentum an diesem Werk, da Beuys es mit dem Spruch „Johannes, jetzt mach ich dir deine Fettecke!“ angebracht haben soll. Er erhält später 40.000 Mark Schadensersatz.


1987
Sohn Wenzel pflanzt zur Documenta 8 die letzte der 7.000 Eichen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.