Zum Inhalt springen

Dürfen Weiße Dreadlocks tragen?

Screenshot Instagram Ronja Maltzahn - Dürfen Weiße Dreadlocks tragen?
Screenshot Instagram Ronja Maltzahn

Ende März gab es einen sonderbaren Vorfall bei Fridays For Future Hannover: Die Musikern Ronja Maltzahn wurde zunächst eingeladen, auf der Demo zu spielen. Dann auf einmal wieder ausgeladen. Grund: Ihre Haare, denn sie trägt Dreadlocks und das sei als weiße Person eine „kulturelle Aneignung„. Dreadlocks seien ein Widerstandssymbol der Bürgerrechtsbewegung schwarzer Menschen. „Wenn eine weiße Person also Dreadlocks trägt, dann handelt es sich um kulturelle Aneignung, da wir als weiße Menschen uns aufgrund unserer Privilegien nicht mit der Geschichte oder dem kollektiven Trauma der Unterdrückung auseinandersetzen müssen„, schrieben die Klimaschützer auf ihrer Website.

Der Musikerin wurde aber von FFF angeboten, wenn sie sich ihre Dreadlocks abschneide, dürfe sie doch spielen. 

Auf Ihrem Instagram-Account nahm Ronja Maltzahn kurz darauf Stellung dazu und wies drauf hin, wie wichtig ihr das Thema Toleranz und Rassismus sei, sie nicht möchte, dass FFF jetzt für den Vorfall angefeindet werde und es doch wichtigere Themen als Äußerlichkeiten gebe. Doch das reichte einigen nicht: In den Kommentaren zu ihrem Video gibt es zwar auch Zuspruch für Ronja, aber viele werfen ihr im scharfen Ton fehlende Selbstrelexion vor.

FFF Hannover hatte sich kurz darauf bei Ronja entschuldigt. Allerdings nicht für den Vorfall an sich, sondern nur für das Angebot, sich die Dreadlocks abschneiden zu lassen, um doch spielen zu dürfen. Das sei ein Eingriff in ihre persönliche Freiheit gewesen. Ach?!

Es gab viel Diskussion um den Vorfall. Ich kannte den Begriff „Kulturelle Aneignung“ bis zu dem Zeitpunkt ehrlich gesagt gar nicht. Als ich von dem Vorfall laß, konnte ich das nicht glauben. So sehr ich Fridays for Future für ihren Klimawandel-Einsatz schätze und selbst für einen respektvollen Umgang miteinander bin, das hier war aber doch echt sowas von über das Ziel hinaus geschossen. Kann nicht jeder selber entscheiden, wie er seine Haare trägt?! Ist das jetzt nicht intolerant der einzelnen Person gegenüber? Geradezu destruktiv-woke.

Dürfen Weiße Dreadlocks tragen? – Ein Vorfall in den USA

Ich habe mal zum Thema Dreadlocks bei Weißen recherchiert. 2016 gab es einen Vorfall an einer amerikanischen Uni, bei der eine afroamerikanische Studentin einen weißen Studenten mit Dreadlocks darauf hinwies, dass er diese nicht tragen dürfe. Dreadlocks seien Teil „ihrer“ Kultur. Zwischen den beiden brach ein Streit aus, es wird kurz sogar etwas handgreiflich, was aber von der Studentin ausging. Das ganze wurde von einem Dritten aufgenommen und online gestellt. Daraus brach auch in den USA eine öffentliche Diskussion aus, siehe hier:

Auch dort fiel der Begriff „cultural appropriation“, eben kulturelle Aneignung. In den Kommentaren zu dem Video wird das Verhalten der Frau scharf kritisiert. Darunter auch sehr viele PoC bzw. aus Afrika, die schreiben, dass sie überhaupt kein Problem damit haben und das Dreadlocks bei Weißen sogar auch als Anerkennung der Kultur zu werten sei. Zudem noch der Hinweis, dass Dreadlocks schon bevor es Teil der afrikanischen Kultur wurde, in anderen Kulturen getragen wurde. Und solche Kommentare sind nicht die Ausnahme, im Gegenteil.

Was meiner Recherche nach auch stimmt: Auch wenn die heutigen Dreadlocks ihren Ursprung tatsächlich in der jamaikanischen Rastafari-Bewegung ab 1930 haben, gab es Arten von Dreadlocks schon lange vorher: Bei den Azteken, im Hinduismus zwischen 1200 und 500 v. Chr. und auch im mittelalterlichen Europa (Quelle: Wikipedia).

Ich sehe es so: Meine persönliche Freiheit hört da auf, wo die Freiheit des anderen anfängt. Jeder hat das absolute Recht, selbst zu entscheiden, wie er seine Haare trägt oder sonst wie rumläuft. Solange es nicht abwertend gemeint ist. Das unterschiedliche Stile aller Art von Kultur zu Kultur weitergegeben werden und man sich von woanders was abguckt, das gibt es doch schon wer-weiß-wie-lang. Egal ob Kunst, Mode, Essen oder Musik. Das nennt sich persönliche Freiheit, Vielfalt und Weiterentwicklung.

Oder muss man jetzt auch die indigenen Völker fragen, was sie davon halten, wenn man sich als weißer Mensch einen Irokesen-Haarschnitt verpassen will? Ich glaube nicht. Sonst kann man den Bogen auch etwas weiter spannen: Nur PoC dürfen Blues und Jazz-Musik spielen, nur ägyptische Frauen dürfen Eyeliner tragen und nur Europäer dürfen europäische Mode tragen. Und nur wenn du true Punk bist, darfst du mit Löcher in der Jeans rumlaufen. Sonst ist das subkulturelle Aneignung – und ja, es gab auch Punks, die für ihr Aussehen diskriminiert wurden. Liebe Gucci-Girls und Kardashians, bitte zieht keine Jeans mit Löchern mehr an!

Gegner der Fridays for Future-Bewegung werden sich jetzt leider wieder bestätigt fühlen. Irgendwie hat das Ganze auch schon fast ein bisschen was rechtes identitäres – nur in die andere Richtung. Dogmatisch und ideologisch. In einer Berichterstattung zu dem Vorfall laß ich den Begriff „Die woke Taliban“. Ich musste lachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.